von Klaus Schölzel
Öffentliche Meinungsbildung findet heute unter Bedingungen statt, die sich grundlegend verändert haben. Nicht ein Mangel an Informationen ist das zentrale Problem, sondern ihre schiere Menge, ihre Fragmentierung und die zunehmende Schwierigkeit, Thesen, Argumente und Quellen systematisch einzuordnen. Wer sich zu komplexen politischen oder gesellschaftlichen Fragen informieren möchte, sieht sich häufig mit einer Vielzahl widersprüchlicher Deutungen konfrontiert, deren Sichtung und Bewertung für Einzelne kaum leistbar ist.
Gleichzeitig verfügen professionelle Akteure über etablierte Strukturen und umfangreiche Ressourcen, die ihnen eine große Reichweite zur Verbreitung ihrer Deutungsangebote verschaffen. Diese Beobachtung ist zunächst wertneutral. Problematisch wird sie dort, wo gut begründete Gegenargumente, alternative Bewertungen oder kritische Recherchen zwar existieren, ihre Wirkung jedoch begrenzt bleibt. Häufig liegt dies nicht an mangelnder Qualität, sondern daran, dass entsprechende Beiträge vereinzelt bleiben, schwer auffindbar sind und
dadurch nicht ohne Weiteres von anderen aufgegriffen und weiterverwendet werden können.
In den vergangenen Jahren ist eine engagierte kritische Öffentlichkeit entstanden, die diesen Defiziten durch investigative Recherchen, alternative Medienformate, Bücher, Blogs, Videos sowie Gesprächs- und Bildungsangebote entgegenzuwirken versucht. Dennoch weisen verschiedene Analysen aus Medienwissenschaft und politischer Psychologie darauf hin, dass es für einzelne Mediennutzer kaum möglich ist, komplexe Argumentationsmuster, Framing-
Techniken oder propagandistische Verzerrungen eigenständig systematisch zu erkennen. Zugleich wird eine zunehmende Verengung des gesellschaftlichen Meinungskorridors beschrieben – mit der Folge, dass viele dieser Beiträge die Grenzen ihrer jeweiligen „Filterblasen“ kaum überwinden.
Ein zentrales, häufig unterschätztes Problem besteht dabei weniger im Fehlen von Argumenten, sondern in ihrer mangelnden Auffindbarkeit, Bündelung, Nachvollziehbarkeit und Weiterverwendbarkeit. Wertvolle Analysen verlieren an Wirkung, wenn sie nicht klar referenzierbar sind, nicht überprüft oder in anderen Kontexten weitergenutzt werden können.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob digitale Werkzeuge dazu beitragen können, diese strukturellen Defizite zu verringern. Insbesondere fehlt bislang ein Ansatz, der nicht nur einzelne Fakten überprüft, sondern den Verlauf von – idealerweise multiperspektivischen – Argumentationen und Diskursen sichtbar macht:
- Welche Argumente stützen oder widerlegen eine These?
- Auf welche Quellen wird verwiesen?
- Und wie verändert sich ihre Bewertung im Zeitverlauf?
Aus dieser Fragestellung heraus entstand das Konzept Pinoccio. Es versteht sich als Ansatz für eine offene Online-Plattform, auf der Thesen, Argumente, Gegenargumente und Quellen so strukturiert dokumentiert werden, dass sich daraus Argumentationsketten entwickeln, die einen nachvollziehbaren, überprüfbaren sowie zitier- und weiterverwendbaren Diskurs abbilden.
Ein zentrales Element des Konzepts ist die bewusste Einbindung vieler Beteiligter, sofern sie valide Beiträge zur Weiterentwicklung eines Diskurses leisten können. Die so aktivierte „Schwarmintelligenz“ wird ausdrücklich nicht als Mechanismus zur Mehrheitsbildung verstanden, sondern als Einladung zur konstruktiven Zusammenarbeit an nachvollziehbar prüfbaren Argumentationsbausteinen.
Ein konzeptioneller Schwerpunkt von Pinoccio ist die Behandlung von Fällen, in denen eine öffentlich relevante Person oder ein Medium (wiederholt) eine Aussage vertritt, die im dokumentierten Diskurs einer These als widerlegt oder nicht belegt eingeordnet ist, Das kann im Kontext des Diskurses dokumentiert werden und (optional) einen Workflow anstoßen, der den Akteur auf diesen Umstand hinweist und ihn zur Beteiligung am Diskurs einlädt.
Zugleich sollen sich auch Dritte zur Mitarbeit angesprochen fühlen, sofern sie zur argumentativen Bearbeitung solcher Diskrepanzen beitragen können.
In Fällen, in denen eine solche Diskrepanz trotz Hinweisen und der Einladung zur Beteiligung am Diskurs wiederholt ignoriert wird, kann mittels des Pinoccio-Report transparent dargestellt werden, dass belegte Gegenargumente dauerhaft unberücksichtigt bleiben.
Und: Die Namensgebung des Reports erinnert nicht ganz zufällig an eine bekannte literarische Figur – nicht als moralische Zuschreibung, sondern als symbolischer Hinweis darauf, dass Unterschiede zwischen Behauptung und begründeter Argumentation sichtbar gemacht werden können.
Der Vortrag stellt das Konzept und die Architektur von Pinoccio vor und diskutiert, ob und in welchem Umfang ein solcher Ansatz dazu beitragen kann, die Bedingungen für die öffentliche Meinungsbildung zu politischen und gesellschaftlichen Thesen zu verbessern.
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Motivation-fuer-Pinoccio_V04Please click here for English version with detailed information about the architecture of Pinoccio.
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